35 CCC — Fazit

Hallo Ihr Lieben,

der 35C3 ist vorbei.

Schnüff.

Es war eine tolle Konferenz — viel besser sogar, als ich dachte. Vorher hatte ich den Eindruck, da träfen sich ein paar merkwürdige Geeks, jetzt weiß ich: Es gibt so viele interessante Vorträge, Workshops, Ausstellungstände, Kunst- und Mitmachaktionen, dass für fast jede etwas dabei ist! (Ok, als Nazi fühlt man sich wahrscheinlich etwas allein dort :-), ein weiterer Pluspunkt des C3)

Hier wollte ich noch kurz die Sachen auflisten, die mir während der letzten drei Tage (mein Bericht von Tag 1 findet sich hier) besonders gefallen haben:

 

1) Löten ❤

Definitiv eine der besten Sachen des Kongresses — ich habe mich gleich an zwei Lötprojekte gewagt 🙂

Surface Mount Electronics

Mein erstes Projekt war ein zweistündiger “Surface Mount Electronics” Workshop, in dem wir einen Spannungswandler gebaut haben.

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Die Grundbausteine für den Surface Mount Electronics Workshop: ein Spatel, um die Lötpaste zu verstreichen, ein Gitter, durch das die Paste auf die Platine gepresst wird, ein Spiegel, um die kleinen Bauteile auch von unten sehen zu können (hilft, um sich zurechtzufinden) und eine Pinzette.

“Surface Mount Electronics” (kurz: SME) bedeutet, dass man die Bauteile eines elektronischen Schaltkreises direkt auf der Oberfläche einer Platine auflegt (keine Durchsteckmontage) und dann alle Teile auf einmal verlötet.

Das funktioniert, weil man auf die Leiterplatte im Siebdruckverfahren Lötpaste aufbringt. Lötpaste ist eine verstreichbare Masse aus Zinnkügelchen. Streicht man die Paste mit einem Spatel vorsichtig durch das auf der Leiterplatte aufgebrachte Raster (siehe Foto rechts), dann hat man genau an den Stellen, wo später die Bauteile aufliegen, Lötpaste auf der Platine.

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Das Raster und die zugehörige Platine. Zum Auftragen der Lötpaste schraubt man beide zusammen und verstreicht die Masse mit dem Spatel durch die Löcher.

Dann muss man nur noch die (teilweise winzigen!) Bauteile per Pinzette auf die entsprechenden Positionen legen. Sind alle platziert, erhitzt man die Platine (z.B. auf einer Herdplatte). Das bringt die Zinnkügelchen der Lötpaste zum Schmelzen und alle Bauteile werden so auf einmal verlötet. Das geht — besonders bei kleinen Teilen — viel schneller und genauer als mit der Durchsteckmontage.

Fazit: es war nicht wirklich schwierig. Klar, einige Teile sind unfassbar klein, aber mit Hilfe einer guten Pinzettentechnik und des Spiegels bewältigt man auch diese Hürde. Alle 20 Teilnehmenden des Workshops hatten (spätestens nach 2 Versuchen) Erfolg und den fertigen Spannungswandler in der Hand.

 

Durchsteckmontage

Mein zweites Projekt war kein Workshop, sondern eine eigenständige Frickelei, die sehr viel Spaß gemacht hat. Auf dem C3 gibt es ein ganzes Areal mit Löttischen, inklusive Lötkolben, Lötzinn, Pinzetten, Zangen etcetc — also alles, was das Lötherz begehrt.

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Ein Löttisch auf dem C3 — hier kann man stundenlang basteln und — das Tollste: dabei kommt man entspannt mit anderen Bastelnden ins Gespräch! Beste Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen (merke: viele Nerds sind scheu ^^)

Da kann man dann eigene Dinge verlöten (eine Freundin von mir hat sich an einem Herzfrequenzmessgerät versucht) oder aber fertige Kits kaufen. Es gibt eine große Auswahl, allerdings sollte man schnell sein, an Tag 2 ist vieles schon ausverkauft!

Ich habe mich für ein 7×8 Charlieplex entschieden, also ein 7×8 großes Diodenfeld, dass sich programmieren lässt. Zuerst war ich geschockt: “waas? So viele Dioden muss ich löten?”

Sobald man aber einmal begriffen hat, was zu tun ist (und das wird anschaulich im Youtube Video der Herstellerin des Kits erklärt), dann  sind die einzelnen Schritte recht simpel (und schön repetitiv):

  1. 2-3 Dioden nehmen, Draht kürzen,
  2. die korrekte Richtung auswählen (Dioden haben eine runde und eine abgeflachte Seite, letzteres ist der Minuspol),
  3. Diodendrähte durch die Öffnungen stecken,
  4. alles mit Klebestreifen an der Platine befestigen (die Dinger wollen gern herausfallen!)
  5. Platine drehen
  6. mit dem Lötkolben Lötzinn zum Schmelzen bringen und zwischen Draht und Platine anbringen -> der Lötzinn erstarrt dann und Lötzinn, Diodendraht und Platine verbinden sich und die Diode ist fest angebracht.
  7. wiederhole 1-6 unzählige Male 🙂

Danach muss man nur noch die Pins des Mikrokontrollers (in meinem Fall: Arduino Nano) auf der Platine verlöten, den Arduino draufstecken und schon kann man sein Werk per USB mit seinem Rechner verbinden.

Um die Dioden anzusteuern, lädt man die kostenlose Arduino Software herunter (Arduino versteht sich als: “open-source electronics platform based on easy-to-use hardware and software”) und kann mit dieser kleine Programme schreiben. Zwei Programme (ein Diodentest, der alle Dioden nacheinander aufleuchten lässt und ein Snake für Dioden) finden sich schon im Github der Herstellerin: Dioden Software.

Diese Beispielprogramme sind ein guter Start für eigene “Werke”. Programmiert wird in C. Ich habe Erfahrung mit der Sprache, aber ich schätze, dass auch Menschen mit keiner/wenig Erfahrung in C, aber etwas allgemeinem Programmierverständnis damit klar kommen würden. Nach etwas herumprobieren (naja, einer durchwachten Nacht …) hatte ich ein Programm, das mir gefiel 😀

Hier findet sich das Ergebnis meiner Tüfteleien *soproud*

Fazit: Ich hatte für ein paar Stunden jede Menge Spaß, nette Gespräche mit fremden Menschen und ein gigantisches Erfolgserlebnis am Ende.

Ich glaube Lucie (eine meiner Lieblingsfiguren aus meinem Buch) hätte auch ihren Spaß gehabt!

 

2) Die Vorträge

Es gab so viele Vorträge, dass ich nur einen kleinen Teil besuchen konnte (viele der Vorträge lassen sich aber auch nachschauen).

Die Vorträge, die ich gesehen habe fand ich aber zum größten Teil sehenswert — sei es, dass ich mich vor Lachen gekringelt habe, oder etwas dazulernen konnte. Hier eine kurze Auflistung:

 

The Ghost in the Machine

Ein überaus kompakter und hörenswerter Vortrag über eine philosophische künstliche-Intelligenz-Perspektive (“unser Hirn ist ein Computersystem”) auf die Natur unseres Geistes und seine Beziehung zur Realität.

Ich werde hier nicht den Inhalt wiedergeben (schaut ihn Euch selbst an, ihr findet den Vortrag hier), aber einige Aphorismen daraus zitieren, die mir besonders gefallen haben:

  • All cultures have their individual scars of intellect.
  • How difficult is the global function of our Universe? And, if we ever find it out — how useful will it be? (Vermutlich nicht sonderlich nützlich …)
  • Information is a discernible difference (change). (Ich mochte diese Definition!)
  • If you see in a mirror you do not see what you look like but the model of what you look like. (Denn Intelligenz ist nicht mehr als die Fähigkeit, Modelle zu erstellen).
  • If you believe in god, you have an exoself running on your brain. (Auch ein Modell ^^)
  • Love is just a discovery of shared purpose

Und der beste:

No super intelligent system is going to do anything that is harder than hacking its reward function.

 

Never forgetti

A didactic live-gaming performance about dying women in video games

Meine Motivation:

Ein Thema, das ich schon seit Jahren spannend finde. Ich spiele nicht viele Computerspiele (meist Adventures oder früher mal Diablo 1+2, seit einiger Zeit Dota2), aber in so gut wie allen hatte ich das Problem, dass es entweder keine weiblichen Charaktere gab, die man spielen konnte, oder einem wurden übersexualisierte, normschöne weibliche Charaktere vorgesetzt. Oft wirkt es so, als gäbe es weibliche Charaktere in Spielen nur, um ein “stimmungsvolles Ambiente” für männliche Spieler zu schaffen — ich jedenfalls konnte mich mit keiner der großbrüstigen Amazonen Diablos identifizieren :-/

Schlimmer noch, nach Jahren dieser digital-Übersexualisierung scheint sich das Bild, wie eine “gute weibliche” Spielfigur auszusehen hat im Gehirn der meisten Spielenden eingebrannt zu haben: Selbst in Spielen, die wunderbare Charakterdesigner haben (z.B. hat Skyrim einen großartigen Charaktereditor, der einem erlaubt, dicke, faltige, vernarbte etcetc Protagonisten aller Geschlechter zu erstellen <3) streben die meisten Spielenden danach, für ihre weiblichen Charaktere eine maximal jugendlich-normschöne Spielfigur mit minimal wenig Kleidung zu basteln (es gibt sogar Tutorials dafür! *Vorsicht: Links mit Würg-Faktor!). Bei männlichen Charakteren scheint die gesellschaftlich tolerierte Variation sehr viel größer zu sein.

Ich habe mein Leben lang nach weiblichen Vorbildfunktionen oder Identifikationsfiguren gesucht und kaum welche gefunden und mich deshalb an die wenigen Serien geklammert, die es anders machen wollten (ob ihnen das immer in einem feministisch-aufgeklärten Sinne gelungen ist, sei mal dahingestellt — trotzdem habe ich als Kind Prinzessin Fantaghiro oder Sailor Moon geliebt).

Genug der Vorrede. Meine Meinung zum Vortrag:

Dass weibliche Charaktere übertrieben häufig sterben, wie der Vortrag behauptet (und das dann meist, um sich für die cis-männlich weiße Hauptfigur zu opfern), war mir neu und deshalb dachte ich “ok, das sehe ich mir an!”.

Was kann ich zum Vortrag sagen … Uh. Er war nicht gerade … informationslastig, zugegeben. Ich hätte gern die eine oder andere Statistik gesehen. So hat es nur gereicht, mir ein diffuses Gefühl zu vermitteln.

Andererseits hat der Vortragende wunderbar performt, inklusive abschließendem selbstgesungenen Lied. Darüberhinaus gab es keine Slides, sondern ein selbstprogrammiertes Adventure Game (im Pixelgraphic Stil), in dem man von einem Blumenfeld zum Friedhof laufen kann, um dort gestorbene Heldinnen zu betrauern. Inklusive 8 bit Musik. Das hatte schon etwas.

Am Ende durften wir Postkarten an die dahingeschiedenen Viedeospiel-Frauen schreiben. Diese Message fand ich besonders “nett”:

We will never forget you  — You will always be loved and objectified

Mein Fazit: ich habe nicht viel gelernt, aber der Vortrag hat mein Interesse an dem Thema neu angefacht und mich dazu gebracht, mich in die Gamergate Problematik einzulesen (allein nach Lesen des Wikipedia Artikels dachte ich “ich hasse Menschen!”). Um es kurz zusammenzufassen: Erfolgreiche Frauen im Gaming business wurden auf widerlichste Art und Weise online bedroht, gemobbt, ihre Privatadresse, Nacktfotos, einfach alles wurde publik gemacht etcetc. Zoe Quinn, die Spieleentwicklerin Brianna Wu und Anita Sarkeesian erhielten über Monate hinweg  so viele Morddrohungen unter dem hashtag #Gamergate, dass sie untertauchen mussten. Ich könnte kotzen.

Anita Sarkeesian  macht übrigens einen spannenden Podcast zum Thema “sexistische Darstellung von Frauenfiguren in Computerspielen“: PODCAST: Tropes_vs._Women_in_Video_Games. Kann ich nur empfehlen!

The enemy

Hier hat Karim Ben Khelifa sein Projekt “the enemy” vorgestellt, in dem er virtuell Kriegsgegner (aus drei langzeit-Konfliktzonen: Salvador, Kongo und Israel/Palästina) gegenübergestellt hat. Besuchende der Ausstellung können sich nun virtuell zwischen die beiden Kontrahenten stellen, sie betrachten (in 3 D) und so Auge-in-Auge zuschauen, wie die beiden Fragen über ihr Leben, ihre Hoffnungen und Perspektiven auf den Krieg beantworten und so ihre Beweggründe und ihre Menschlichkeit besser verstehen lernen.

The enemy is always invisible. When they become visible they cease to be the enemy

Der Trailer zum Projekt findet sich hier, die App hier.

Ich fand das Projekt spannend, weil es zeigt, wie sinnlos der Hass zwischen zwei Gruppierungen ist und wie ähnlich die Bedürfnisse und Hoffnungen der Menschen dahinter.

 

Martin Sonneborn — Mein Abenteuer im EU-Parlament

Einer der Vorträge, in denen ich Tränen gelacht habe. Wer Martin Sonneborn (Link zur Homepage) nicht kennt — Er ist Spitzenkandidat der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI) und wurde 2014 zum Mitglied des Europäischen Parlaments gewählt. Ich habe 2014 auch darüber nachgedacht, ihn zu wählen, war mir aber unsicher, ob ich mir so für ein bisschen Satire und Spaß selbst ins Bein schieße (z.B. weil er in wichtigen Abstimmungen nicht für das, was mir wichtig wäre, also z.B. Umweltschutz, LBGTI* Rechte oder Soziale Gerechtigkeit stimmt).  Die Bedenken konnte er aber in seinem Vortrag auflösen — er meinte, er stimme in Abstimmungen immer abwechselnd mit “Ja” und “Nein” (wenn er schlechte Laune hat,  oder es regnet, dann beginnt er mit “Nein”). Allerdings seien die meisten europäischen Abstimmungen unwichtig, da eine monströse Koalition mit riesiger Mehrheit die Entschlüsse durchprügelt und es so auf eine Stimme nicht ankommt — bei den wenigen wirklich knappen Entscheidungen halte er sich an die Position der GRÜNEN. Puh.

Ich überlege ernsthaft, bei der nächsten Europawahl meine Stimme der PARTEI zu schenken ^^ — mehr Glamour fürs Europaparlament!

 

3) Installationen

Selbst wenn man keine Vorträge oder Workshops besucht und auch nichts lötet — allein die Szenerie ist wundervoll! An allen Ecken und Enden blinken einer bunte Lichter entgegen, man kann pneumatischen Maschinen beim Laufen zusehen (sogar ein Exemplar aus Leipzigs legendären Bimbotown war dabei, *schnüff*) und sie z.T. sogar selbst programmieren!

Besonders nett fand ich einen Tracker, der die Position von Fliegen (ja, dem Insekt!) auf einer Leinwand bestimmt und diese in ein Muster verwandelt (siehe Foto).

Sowieso, es spielt (nicht nur) 8 bit Musik — es gibt auch Chöre und Orchester! — man trifft auf offene, friedliche, interessante Menschen. Es gibt leckere Cocktails mit Club Mate (und sowieso viel Mate zu trinken, ist da ein Trend an mir vorbeigegangen?), man kann nachts, wenn alle Kinder weg sind, im Bällebad chillen, eingefärbte Sandburgen bauen (immer noch mein Favorit!) oder zu Diskoklängen tanzen.

 

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Hier wurden Klänge (der Metallröhren, wenn man sie anschnippst) in Lichtsignale umgewandelt. Kunst zum Mitmachen.

 

Fazit

Ich habe die paar Tage einfach nur genossen. Entweder man muss nicht geekig sein, um Spaß zu haben, oder ich bin geekig genug. Beides möglich.

Jetzt werde ich die nächsten Tage auf https://media.ccc.de/ Vorträge nachhören und ich freue mich schon auf den nächsten Kongress in Leipzig ❤

 

Vielen Dank noch mal an Matze und die ChaospatInnen für ihre Hilfe!

Vielen Dank an alle Organiosator_innen und Engel (die freiwilligen Hilfskräfte des C3), die mitgeholfen haben, den Kongress so schön zu machen!

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